An(ge)dacht

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Sommer ist eine Zeit der verschwenderischen Fülle, aber manchmal findet man an den seltsamsten Orten eine Blume. Sie gedeiht nicht so, wie an einem idealen Standort- Aber sie öffnet in besonderer Weise die Augen für das Wunder des Lebens.

Die Autorin Monika Enders hat dies in einer Geschichte eingefangen.

Die Sonnenblume und der Spatz

Zwischen einer alten Holzkiste und einer Waschmitteltonne wuchs eine kleine Sonnenblume. Um sie herum lag nur Müll und Abfall. Sie war die einzige Blume weit und breit. Warum die Sonnenblume ausgerechnet hier wuchs, das wusste keiner. Die Blume war oft sehr traurig, und nachts träumte sie von saftigen Wiesen, von bunten Blumen Feldern und von Schmetterlingen, die um sie herumflogen. 

Eines Tages setzte sich ein kleiner, zerzauster Spatz vor die Strahlenblume und bestaunte sie mit offenem Schnabel: Wie schön bist du, wie wunderschön”, piepste der Spatz. Das bin ich nicht”, entgegnete die Sonnenblume traurig. Du müsstest mal meine Schwestern sehen, die sind zehnmal so groß, ich aber bin klein und hässlich.” Für mich bist du aber die Schönste”, zwitscherte der Spatz trotzig und flog davon. Der Vogel besuchte die Blume nun jeden Tag. Und jeden Tag wuchs die Sonnenblume ein Stück höher, und ihre Blüte leuchtete jeden Tag ein bisschen mehr. Sie wurden Freunde. 

Aber eines Tages blieb der Spatz aus. Er kam auch am nächsten Tag nicht, und die Blume machte sich große Sorgen. Als sie am anderen Morgen aufwachte, lag der Spatz mit ausgestreckten Flügeln vor ihr. Wie erschrak sie da. Bist du tot mein kleiner Freund? Was ist passiert?” Langsam schlug der Vogel die Augen auf. Ich habe seit Tagen auf der Müllhalde nichts mehr zu fressen gefunden. Jetzt ist meine Kraft am Ende. Ich bin zu dir gekommen, um bei dir zu sterben.” Nein, nein”, rief die Sonnenblume, „warte, warte einen Moment!” Sie neigte ihre schwere Blüte nach unten, und schon fielen die ersten Sonnenblumenkerne auf die Erde. Pick sie auf, mein kleiner Freund, sie werden dir neue Kraft geben.” Der Spatz knackte mit letzter Kraft ein paar Körner und blieb dann erschöpft liegen. 

Am nächsten Morgen aber fühlte er sich wieder stark und kräftig. Er wollte sich bei der Sonnenblume bedanken, aber wie erschrak er, als er sie sah! Die gelben Blütenblätter waren schlaff geworden, und die Blätter hingen kraftlos herunter. Was ist mit dir, Blume?” piepste der Spatz erschrocken. Mach dir keine Sorgen”, sagte die Sonnenblume da. Meine Zeit ist zu Ende. Weißt du, ich dachte immer, dass ich umsonst auf dieser Müllhalde stehe. Aber jetzt weiß ich, dass alles seinen Sinn hat, auch wenn wir es manchmal nicht gleich begreifen. Ich hätte ohne dich den Lebensmut verloren und du ohne mich dein Leben. Und schau, es liegen noch viele Kerne auf der Erde. Lass einige liegen, und vielleicht werden eines Tages hier viele Sonnenblumen blühen und viele zerzauste Spatzen mit bunten Schmetterlingen um die Wette fliegen.

Vielleicht ist das immer so, wenn Leben wie Gott es meint aufblühen soll an den unmöglichsten Orten. Geben und Nehmen, Freundschaft und Liebe, für mich eine gute Geschichte um über das Wesentliche im Leben nachzudenken!

Eine schöne Sommerzeit wünscht Ihnen

Ihre Pfarrerin

Ute Bock